Viel zu hohe Steuern?
Die Klage über die hohe Abgabenlast ist ein wiederkehrendes Thema in der öffentlichen Debatte. Prominente Unternehmer, Spitzenverdiener und Erben großer Vermögen äußern immer wieder ihren Unmut über die Steuer- und Abgabenpolitik in Deutschland. Die Kritik lautet: Zu hohe Steuern und Abgaben gefährden nicht nur den eigenen Wohlstand, sondern auch die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit des Landes. Doch wie berechtigt ist dieses Jammern tatsächlich?
Das Argument der Leistungsfeindlichkeit
Häufiger Tenor der Wohlhabenden: Hohe Steuern und Abgaben mindern die Leistungsbereitschaft und bremsen den wirtschaftlichen Erfolg. Diese Ansicht vertritt auch Friedrich Merz, Vorsitzender der CDU, der kürzlich in einem Interview beklagte, dass Deutschland "immer mehr zur Neidgesellschaft" werde. Steuern und Abgaben, so Merz, würden die Leistungsbereitschaft der Menschen ersticken und Innovationen verhindern.
Diese Argumentation verkennt jedoch oft die Tatsache, dass Steuern und Abgaben nicht nur der Finanzierung des Staatswesens dienen, sondern auch eine wichtige Rolle bei der Umverteilung von Wohlstand spielen. In einem sozialen Rechtsstaat wie Deutschland sind diese Mittel notwendig, um soziale Gerechtigkeit zu gewährleisten und Ungleichheiten zu mindern. Ein funktionierendes Gesundheitssystem, kostenfreie Bildung und soziale Absicherung sind Errungenschaften, die ohne eine angemessene Steuer- und Abgabenpolitik nicht möglich wären.
Die Realität der Abgabenlast
Die steuerliche Belastung der Wohlhabenden in Deutschland ist im internationalen Vergleich zwar hoch, jedoch keineswegs extrem. Laut OECD-Zahlen liegt Deutschland bei der Gesamtsteuerbelastung im Mittelfeld der Industrieländer. Spitzenverdiener zahlen zwar hohe Einkommensteuersätze, profitieren jedoch auch von zahlreichen Abschreibungsmöglichkeiten und Steuervergünstigungen.
Unternehmer wie Clemens Tönnies oder Familie Quandt betonen oft die Belastungen durch die Erbschaftssteuer und fordern Entlastungen, um Familienunternehmen zu schützen. Gleichzeitig nutzen viele dieser Unternehmen legale Schlupflöcher und komplexe Steuerkonstruktionen, um ihre Steuerlast zu minimieren. Eine Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) zeigt, dass die tatsächliche Steuerbelastung der Superreichen in Deutschland oft deutlich unter den offiziellen Sätzen liegt.
Staatliche Ausgaben als Wohlstandsfaktor
Staatliche Ausgaben können erheblich zum Wohlstand eines Landes beitragen. Investitionen in Infrastruktur, Bildung und Gesundheit schaffen nicht nur Arbeitsplätze, sondern fördern auch das wirtschaftliche Wachstum. Gut ausgebaute Straßen, Schienen und digitale Netze erhöhen die Effizienz von Unternehmen und erleichtern den Handel. Ein starkes Bildungssystem sorgt dafür, dass die Bevölkerung gut ausgebildet und somit produktiver ist. Gesundheitsausgaben führen zu einer gesünderen Bevölkerung, die weniger krankheitsbedingte Ausfallzeiten hat und länger im Arbeitsleben steht. All diese Faktoren tragen dazu bei, dass der allgemeine Wohlstand steigt und die Lebensqualität der Bürger verbessert wird. Hohe Steuern und Abgaben ermöglichen es dem Staat, diese essentiellen Investitionen zu tätigen und somit die Basis für ein starkes und nachhaltiges Wirtschaftswachstum zu legen.
Solidarität oder Egoismus?
Die öffentliche Debatte über die Abgabenlast der Wohlhabenden verdeutlicht eine grundlegende Frage: Welche Verantwortung tragen die Wohlhabenden in einer solidarischen Gesellschaft? Während viele Spitzenverdiener und Unternehmer ihre Abgabenlast als ungerecht empfinden, sehen andere darin ihren Beitrag zum gesellschaftlichen Zusammenhalt.
Der Milliardär und Unternehmer Warren Buffett, der regelmäßig darauf hinweist, dass er einen geringeren Steuersatz zahlt als seine Sekretärin, plädiert für eine gerechtere Steuerpolitik. Er argumentiert, dass diejenigen, die am meisten vom System profitieren, auch am meisten zurückgeben sollten. Eine ähnliche Sichtweise vertritt auch der deutsche Unternehmer Götz Werner, Gründer der Drogeriemarktkette dm, der sich für ein bedingungsloses Grundeinkommen und eine höhere Besteuerung von Vermögen einsetzt.